BLOCK Tapiola

Fotos: Federico Neri

Performance. Installation. Vierte Welt, Berlin. 2017
in Zusammenarbeit mit Vierte Welt Kollaborationen

Im Wald, westlich von Helsinki, liegt vergessen eine Stadt. Nach dem Waldgott Tapio „Tapiola“ genannt. Eine im universellen Geist des Fortschritts für Alle errichtete Stadt, ohne Kompromisse. Helle Gebäude mit fantastischer Aussicht, die niedrigen mit Gärten für Familien, die hohen für Singles oder Kinderlose. ,Saunazugang für Alle, ein Kulturzentrum mit Bibliothek und Konzertsaal, eine Kirche, ein Schwimmbad, ein Kino, ein Friedhof, endlose Fläche zum Spielen und Flanieren, autolose Verbindungswege, ein Einkaufszentrum für zufriedene Menschen, kostenloses Mittagessen für alle Kinder an den Schulen – konsequent geplant und entworfen von den bedeutendsten finnischen Architekten ihrer Zeit, darunter Alvar Alto.

Errichtet Ende der 1960er Jahre, galt Tapiola in der Welt der Architektur als ein gelungenes Beispiel für ein menschengerechtes Leben. Eine Attraktion im Städte- und Wohnungsbau für Fachleute und Touristen, ein Modell von Tapiola bereiste gar die Welt. Bereits 1939 hatte Alvar Aalto einen, durch seine schlichte Schönheit Aufsehen erregenden finnischen Pavillon für die New Yorker Weltausstellung entworfen, der im Zeitgeist dieser Tage gänzlich auf den mit Futurismus gesättigtem Maschinen-Pathos verzichtete. Nach 1945 dann realisierten sich bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts am Reißbrett entworfene Visionen idealer, menschen- und autogerechter Städte. Rund um den Globus errichtet, markieren sie bis heute eine vom Nachkriegsboom befeuerte Fortschrittsmoderne. Inzwischen sind die Blocks jedoch weltweit vor allem zum Sinnbild einer gescheiterten Utopie geworden und stehen synonym für sozialen Abstieg und Vernachlässigung, für Tristesse und Einsamkeit oder Kriminalität und Gewimmel. Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Moment, in dem die Menschen sich in diesen neuen Wohn- und Lebensräumen einrichten, markiert das Ende der Ära der Fortschrittsmoderne, in der sich der Neoliberalismus und das neue Prekariat bereits ankündigt. Blocks erscheinen heute nur mehr als Wracks der Fortschrittsmoderne inmitten einer hysterischen Gegenwart. Doch gilt das auch für Tapiola, das inzwischen vergessen von der Welt dort oben im Norden im Wald schlummert?

Mit BLOCK | Tapiola zeigen wir unsere dritte Produktion über das Leben im Beton und umkreisen dabei die in Verruf gekommenen Utopien der Fortschrittsmoderne. Nachdem wir uns 2013 mit unserem Zuhause, dem Zentrum Kreuzberg beschäftigten und 2015 in Verbindung zum Stadtteil Ekbatan traten, einem städtebaulichen Artefakt aus dem nie verwirklichten Masterplan für ein neues modernes Teheran von 1969, haben wir nun Verbindung nach Finnland aufgenommen. Wir haben unsere neuen finnischen Freundinnen zu uns an den Kotti auf die Ladengalerie des Zentrum Kreuzberg eingeladen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach dem, was vergessen wurde. Wir hören die Stimmen der Tapiolaner*innen, die schon immer in Tapiola leben. Wir ziehen mit unserem Publikum durch den Wald, treten ein in den Temple of Dreaming the Perfect City und feiern mit Ihnen und tausend Sternenregenstöckchen 100 Jahre Finnland, 100 Jahre Revolution, Utopie und Gleichheit. Die Sauna allerdings bleibt leider weiter geschlossen.

Trailer 1
Trailer 2
Video

Von und mit Minni Gråhn, Sannah Nedergård, Marcus Reinhardt, Mariel Jana Supka, primavera*maas, Julia Krause, Nadine Vollmer, Sebastian K König, Elina Kritzokat, Annett Hardegen, Markus Alanen und Dirk Cieslak.

Eine Produktion von Vierte Welt, gefördert durch den Regierenden Bürgermeister – Senatsverwaltung für Kultur und Europa. In Kooperation mit der Theaterakademie der Universität der Künste Helsinki und in Kollaboration mit Felipe Cusicanqui. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts Helsinki und des Finnischen Kulturministeriums.

Dank an Ben af Schulten, Kirsti Sysikaski, Olli Juvonen, Meri Anna Hulkkonen, Eero Keränen, Jukka Silvenius, Eva Kivilaakso-Wellmann, den Mitarbeitern von Kahvi-Olli und internil.

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